4. November 1947 – 10. November 2025 Nachruf auf Prof. Dr. Micha Brumlik

Als Institut für Bildungswissenschaft trauern wir um Prof. Dr. Micha Brumlik, der am 10. November 2025 im Alter von 78 Jahren in Berlin verstorben ist. Von 1981 bis 2000 lehrte er als Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik, Kulturtheorie und Erziehung am damaligen Erziehungswissenschaftlichen Seminar der Universität Heidelberg – einer zentralen Vorgängereinrichtung des heutigen Instituts für Bildungswissenschaft. In diesen fast zwei Jahrzehnten hat er unser Fach in Heidelberg nachhaltig geprägt und über die Universität hinaus wichtige Impulse für die deutsche und internationale Bildungswissenschaft gesetzt.

Micha Brumlik wurde 1947 in Davos als Kind deutscher jüdischer Eltern geboren, die vor der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime in die Schweiz geflohen waren. In den frühen 1950er-Jahren kehrte die Familie nach Frankfurt am Main zurück, wo er zur Schule ging und später studierte. Nach einem Studienaufenthalt in Jerusalem studierte er Pädagogik und Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt, schloss 1973 mit dem Diplom in Pädagogik ab und arbeitete anschließend als wissenschaftlicher Assistent in Göttingen, Mainz und Hamburg, bevor er 1981 dem Ruf nach Heidelberg folgte.
Die Heidelberger Jahre von Micha Brumlik fallen in eine Phase, in der sich die Erziehungswissenschaft an der Universität strukturell und inhaltlich neu ausrichtete. Das Erziehungswissenschaftliche Seminar wurde in den 1970er- und 1980er-Jahren gezielt ausgebaut; mit der Berufung von Micha Brumlik wurde der Schwerpunkt Sozialpädagogik, Kulturtheorie und Erziehung verankert. Er hat in dieser Zeit ein anspruchsvolles, gesellschaftlich orientiertes Verständnis von Erziehungswissenschaft vertreten: Pädagogik als kritische Sozialwissenschaft, die soziale Ungleichheit, Machtverhältnisse, demokratische Teilhabe und Fragen der Gerechtigkeit ins Zentrum ihrer Analyse rückt.

Für viele Studierende der Lehramts-, Erziehungs- und Sozialpädagogikstudiengänge war Micha Brumlik eine prägende akademische Persönlichkeit. In seinen Lehrveranstaltungen verband er systematische Theorien der Bildung und Erziehung mit der Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Konflikten – etwa Fragen von Kindheit und Jugend in prekären Lebenslagen, Migration und kultureller Diversität, professionellem Handeln in der Sozialen Arbeit oder dem Wandel von Familie und Gesellschaft. Zahlreiche wissenschaftliche Mitarbeiter:innen, Promovierende und Habilitierende, die heute an Hochschulen, in der Bildungsverwaltung oder in der Kinder- und Jugendhilfe Verantwortung tragen, sind in dieser Heidelberger Zeit durch sein Denken und seine hohe intellektuelle und ethische Erwartungshaltung geprägt worden.
Ein zentrales Thema seines wissenschaftlichen Werkes war die Frage, wie Bildung als kritische, emanzipatorische Praxis verstanden werden kann: als Befähigung zu autonomem Urteil, als Ermutigung zu demokratischer Teilhabe und als Verpflichtung zur Achtung der Menschenwürde. Dies zeigte sich sowohl in seinen theoretischen Arbeiten zur Bildungstheorie und politischen Pädagogik als auch in seinen Beiträgen zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit und der Sozialpädagogik.

Über Heidelberg hinaus erlangte Micha Brumlik große Sichtbarkeit auch durch seine späteren Wirkungsstätten und Aufgaben. Nach seinem Wechsel an die Goethe-Universität Frankfurt im Jahr 2000 hatte er dort bis 2013 die Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Theorien der Bildung und Erziehung inne. Zugleich leitete er von 2000 bis 2005 das Fritz Bauer Institut in Frankfurt, ein Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. In dieser Funktion trug er maßgeblich dazu bei, Fragen der Erinnerungskultur, der historischen Verantwortung und der Menschenrechtsbildung in Wissenschaft, Schule und Öffentlichkeit zu verankern.

Die Beschäftigung mit der Geschichte des Holocaust, mit jüdischer Bildung und mit den ethischen und politischen Lehren aus der Shoah wurde zu einem Grundmotiv seines Denkens und Schreibens. Seit 2013 war er Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg (Selma Stern Zentrum) und engagierte sich in vielfältigen Kontexten der jüdischen Gegenwartskultur, der interreligiösen Verständigung und des Kampfes gegen Antisemitismus. Sein Wirken wurde unter anderem mit der Buber-Rosenzweig-Medaille (2016) und dem Bundesverdienstkreuz am Bande (2025) gewürdigt.
Micha Brumlik war nicht nur Wissenschaftler, sondern auch ein öffentlicher Intellektueller. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, Aufsätze und Essays zu bildungsphilosophischen, politischen und religionsphilosophischen Themen, etwa zu Fragen von Demokratie und Menschenrechten, zur Geschichte und Gegenwart des Judentums, zur Psychoanalyse oder zur Friedensethik. Als Kolumnist und Kommentator in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften wirkte er über Jahrzehnte in die politische Öffentlichkeit hinein; seine Stimme gehörte zu den wichtigen kritischen Stimmen in den Debatten über Bildung, Erinnerungskultur und demokratische Kultur in Deutschland.

Für das Institut für Bildungswissenschaft in Heidelberg bleibt Micha Brumlik in mehrfacher Hinsicht eine prägende Figur. Die in seiner Professur gebündelten Schwerpunkte – Sozialpädagogik, Kulturtheorie und Erziehung – haben dazu beigetragen, dass die Heidelberger Bildungswissenschaft sich als Fach versteht, das pädagogische Praxis stets im Kontext gesellschaftlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse, historischer Verantwortung und demokratischer Entwicklung analysiert. Seine Arbeit an einer reflexiven, normativ sensiblen Erziehungswissenschaft wirkt in unseren heutigen Schwerpunkten zu Diversität und Inklusion, Demokratiebildung und sozialer Gerechtigkeit fort.

Wir erinnern uns an Micha Brumlik als einen Gelehrten, der hohe theoretische Ansprüche mit einer klaren ethischen Orientierung verband; als Kollegen, der das wissenschaftliche Gespräch auch in und mit der Öffentlichkeit suchte und zivilisierten Streit als produktiven Teil akademischer Kultur verstand; und als Lehrer, der Studierende ernst nahm und sie zugleich dazu anhielt, intellektuell wie moralisch Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Sein Heidelberger Wirken gehört zur Geschichte unseres Instituts – und zu seinem bleibenden Selbstverständnis.

Das Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg gedenkt Micha Brumlik mit großem Respekt und Dankbarkeit für sein engagiertes Lebenswerk. Unsere Anteilnahme gilt seiner Familie und allen, die mit ihm freundschaftlich und wissenschaftlich verbunden waren. Wir werden sein Werk in Forschung, Lehre und durch eine gesellschaftlich engagierte Bildungswissenschaft in ehrender Erinnerung halten.
 

Heidelberg, am 14. November 2025
Prof. Dr. Anne Sliwka
Geschäftsführende Direktorin
Institut für Bildungswissenschaft, Universität Heidelberg